Blick auf Vielfalt

Eine Zusammenarbeit zwischen WissenschaftshistorikerInnen und einer Künstlerin

Katrin von Lehmann war im Wintersemester 2012 als Artist-in-Residence in der MPIWG-Forschungsgruppe „Eine Wissensgeschichte der menschlichen Vielfalt im 20. Jahrhundert“ zu Gast. In dieser Zeit hat sie nicht nur künstlerisch gearbeitet, sondern auch an unseren Gruppenaktivitäten teilgenommen und intensiv mit den Mitgliedern und Gästen der Gruppe diskutiert. Diese Zusammenarbeit war für beide Seiten sehr inspirierend, was besonders in den vielen Momenten der Überraschung spürbar wurde.

Veronika Lipphardt

Die Idee

Der Wunsch, mit KünstlerInnen zusammenzuarbeiten, entspringt meiner wissenschaftlichen Arbeit, nämlich einer gewissen Ratlosigkeit gegenüber Visualisierungen menschlicher Vielfalt im späten 20. Jahrhundert. Dazu hatte ich punktuell bereits vor meiner Zeit am MPI gearbeitet. 2009 am MPI angekommen, knüpfte ich Kontakte in die Schweiz zu Marianne Sommer, um mit ihr eine Konferenz zu Menschheits-Visualisierungen in den Lebenswissenschaften zu planen, die im April 2013 in Luzern stattfand (Programm).
Außerdem begann ich, zusammen mit Ricky Heinitz eine Datenbank solcher Visualisierungen aufzubauen. Sie enthält mittlerweile mehr als 500 Abbildungen: Stammbäume, Portraittafeln, Tabellen, Landkarten und Diagramme. Der Wahrheitsanspruch dieser Bilder läuft meist auf den Satz „Es gibt verschiedene Menschenrassen“ hinaus; zusammen mit den ästhetischen Visualisierungstraditionen dieser Bilder hatte er auf mich eine provozierende, manchmal verstörende Wirkung. Das weckte bei mir den Wunsch nach einer nicht-deterministischen Darstellung menschlicher Vielfalt, die deren Komplexität, Unabgeschlossenheit und Dynamik und damit der Unmöglichkeit ihrer Darstellung Ausdruck verleiht.

Katrin von Lehmann lernte ich durch ihre am Max Planck Institut für Molekulargenetik ausgestellten Arbeiten kennen. Zu Beginn haben Katrin und ich intensiv über das Forschungsthema der Gruppe gesprochen: Wie menschliche Vielfalt im 20. Jahrhundert von LebenswissenschaftlerInnen erforscht und thematisiert wurde; wie dies mit der Rassenforschung in Zusammenhang steht; welche Kontinuitäten und Brüche es in diesem Forschungsfeld gegeben hat oder welche lediglich behauptet worden sind. Ich zeigte ihr die Datenbank mit den inzwischen über 500 Bildern. Katrin hat, so weit ich mich erinnere, erst mal nur gestaunt.
Dann wollte Katrin von mir wissen, wie WissenschaftshistorikerInnen arbeiten. Jetzt war ich verblüfft: Diese Frage hatte ich überhaupt nicht erwartet. Mir erschien es auf einmal leichter, die Arbeit eines Genetikers im Labor zu erklären, als meine eigene. Ich empfahl Ludwik Fleck als Ausgangspunkt (Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1980[1935]).
Ursprünglich hatte ich mir gewünscht, dass Katrins Objekt die Arbeit von NaturwissenschaftlerInnen sein sollte, und nicht die unsrige, die ja ebenfalls die von NaturwissenschaftlerInnen thematisiert. Aber Katrins Abstand zu beiden Arbeitsweisen war natürlich anders (auch wenn sie die Arbeitsweise der WissenschaftshistorikerInnen inzwischen sehr schätzt.)
Insofern sehe ich Katrins Arbeit nicht nur als eine gelungene Auseinandersetzung mit dem Forschungsthema, der Erforschung der menschlichen Vielfalt, sondern auch mit der Praxis des wissenschaftlichen Arbeitens ganz allgemein. Genau hier lag für mich das größte Überraschungsmoment.

Katrin von Lehmann

Die Zusammenarbeit mit WissenschaftshistorikerInnen

Besonders einflussreich auf meine Arbeit am MPIWG war die für eine/n Künstler/in ungewöhnliche Arbeitssituation, im Institut einen Arbeitsraum zu haben und sich mit den Wissenschaftler/innen spontan austauschen zu können. Da ich meine künstlerische Arbeit als einen Prozess ansehe, der sich im Tun und Denken realisiert, hat es mich interessiert, etwas über die Arbeitsweisen der Wissenschaftler/innen zu erfahren. Das bewog mich, Interviews mit den Wissenschaftler/innen zu führen.

Meine Arbeitsweise

Beschriebe ich meine künstlerische Arbeit mit wenigen Sätzen, dann würde ich sie heute wie folgt formulieren:
Mich interessiert, einen Prozess, der über eine bestimmte zeitliche Dauer abläuft, in ein Bild zu übersetzen.
Dabei möchte ich das Wesentliche eines Prozesses nicht in einer fotografischen Momentaufnahme, auch nicht in bewegten Bildern eines Filmes, sondern in einem Bild wie ein Substrat veranschaulichen.
So wie wenn ich alle Einzelbilder eines Films übereinanderlegen würde und in der Anschauung ein Bild hätte.
Ich sehe meine künstlerische Arbeit wie eine Übersetzungsarbeit an. Und nenne dies die zweite Übersetzung. Denn die erste ist die, in der lebendige Prozesse in Daten, in Dokumente oder in meine Erinnerung bereits übersetzt und gespeichert wurden.
Ausgehend von den Daten, Dokumenten oder meiner persönlichen Erinnerung beginne ich, ein künstlerisches Äquivalent zu entwickeln, das sich jedoch in dem Moment der Übersetzung wandelt und somit nicht mehr rücklesbar ist. Meine Arbeiten begehen – meist in strengen Handlungskonzepten organisiert – einen Abstraktionsprozess.
Ich gehe destruktiv vor, um aus dem Moment der Zerstörung etwas Neues – eine Verschiebung, eine Neuentwicklung, einen Perspektivwechsel – zu betonen.

Blick auf Vielfalt in den Naturwissenschaften I: Wolken

Den ersten Bezug meiner Arbeit zur Wissenschaft, insbesondere zur Naturwissenschaft, fand ich 2009, als ich während eines Stipendiums im Wettermuseum Lindenberg bei Frankfurt/Oder das Meteorologische Observatorium Lindenberg kennenlernte.
Ich war von der Wolkenbeobachtung, also der Arbeit der Meteorologen, die die Wolken täglich klassifizieren, sehr beeindruckt. Sie wird Augenbeobachtung genannt.
Zum einem lernte ich das System kennen, mit dem die unendlich scheinende Vielfalt der sich ständig wandelnden Wolkenformationen bestimmt wird, und zum anderen erfuhr ich, dass heute immer noch ein Meterologe in den Himmel schauen muss, sein Gelerntes über die Wolkenklassifikation anwendet, um dann seine Beobachtung als wissenschaftliches Ergebnis in ein Wolkentagebuch einzutragen. Z.B. Cumulus fractus, stratus fibratus oder cirrus spissatus.
Es gibt technische Geräte, die die Wolken klassifizieren, aber diese sind fehlerhaft.
Für meine Serie ‚Augenbeobachtung’ habe ich die Aufzeichnungen/ die Daten jeweils von einem Monat benutzt, alle lateinischen Bezeichnungen dieses Zeitraums in Zeichnungen übersetzt, die entstandenen Zeichnungen jeweils nach dem gleichen Prinzip gefaltet und dann chronologisch geschichtet.

Blick auf Vielfalt in den Naturwissenschaften II: Menschen

Für die Arbeit am MPIWG in der Forschungsgruppe „eine Wissensgeschichte der menschlichen Vielfalt“ von Veronika Lipphardt habe ich gleich am Anfang der Artist-in-Residence Einladung einen Impuls folgend eine Zeichnung mit allen vorrätigen Buntstiften angefertigt, ein zweites Blatt in der selben Größe mit Löchern perforiert und dieses auf die Zeichnung gelegt. Dem lag mein Staunen zugrunde, ausgedrückt in der Frage, wie es möglich sein soll, menschliche Vielfalt mit ihren stetig weiterführenden Variationen zu erforschen und zu systematisieren?
Ich finde den Moment der Anschauung entscheidend. Mit welcher Fragestellung wird auf die menschliche Vielfalt geschaut? Was macht dieser spezifische Blickwinkel mit dem betrachteten Phänomen? Ich wollte den Moment des Blickens thematisieren, der einerseits bestimmte Aspekte fokussiert und gleichzeitig andere Aspekte vernachlässigt. Also beim Betrachten meiner Arbeit eine Situation schaffen, in der das Blicken/ Schauen betont wird.
In einer anderen, vorangegangenen Arbeit hatte ich mit einem Lochblech als Schablone gearbeitet. Mit dem Resultat war ich zwar nicht zufrieden, aber ich hatte das Lochblech entdeckt, das mir auf meiner Suche nach einer Übersetzung des Durchblickens weiterhalf. Meine Arbeitsmaterialien waren nun Buntstifte, Papier Lochblech, Locheisen und Hammer.
Sobald ich anfing, intensiv zu zeichnen und Blätter zu perforieren, tauchten die verschiedensten Fragen auf, die mein weiteres Tun beeinflussten:

  • Z.B. Haben die Löcher eine Ordnung, oder keine, oder beides?
  • Welche Größe sollten die Löcher haben?
  • Warum perforiere ich nicht die Zeichnung?

Die daraus resultierende Serie „Blick auf Vielfalt, Serie 1“ besteht aus 23 Arbeiten.

Eine weitere Frage, die zu „Blick auf Vielfalt, Serie 2“ führte, war: Was mache ich mit all den ausgestanzten Papierkreisen? Haben sie einen Wert, wenn ja, welchen? Ohne die Frage zu beantworten, sammelte ich alle ausgestanzten Kreise in Gläsern, die ich mit dem jeweiligen Anfangs- und Enddatum des Füllens beschriftete.

Während ich die Gläser betrachtete, wurde mir klar, dass ich aufbauend auf den Erfahrungen, die ich bei der ersten Serie in der Phase der Entdeckungen gesammelt hatte, nun systematisch vorgehen würde.
Das Prinzip, 2 Schichten übereinander, zu unterst das Bildobjekt, darüber ein perforiertes Blatt, nun in erweiterter Dimension:
Drei großformatige Fotos mit dem gleichen Motiv der ausgestanzten Kreise an der Wand hängend, davor jeweils in gleicher Größe ein weißes, ein schwarzes und ein rotbraunes Foto (im Farbton der Ausstellungswand) mit Abstand hängen. Die Größe der Löcher, die ich in jeweils ein Foto stanzte, sind im Verhältnis klein, mittel und groß. Diese  drei Arbeiten nenne ich „Blick auf Vielfalt, Serie 3“.

„World Citizen 1735 – 1990“

 Technik: Fotoflechtung aus acht Fotos gleicher Größe und gleichen Motivs, 130 cm im Durchmesser.
Ich habe mit 20 Abbildungen, die Veronika Lipphardt aus der Datenbank „Visualisierung menschlicher Vielfalt“ ausgewählt hat, gearbeitet.
Die Jahreszahlen beziehen sich jeweils auf das älteste und das jüngste Dokument.

Konzeptidee:

Wenn die Dokumente die menschliche Vielfalt repräsentieren, dann kann ich ausgehend von diesen Daten mittels eines künstlerischen Verfahrens – hier die Fotoflechtung – einen Durchschnitt der Daten schaffen, der einen Durchschnittsbürger, ich nenne ihn den „Weltbürger“, zeigen würde.

Fotoflechtung ist eine Technik, die ich 2000 für mich entdeckte. Indem ich 2 Fotos in Streifen schneide und die Streifen dann zusammen flechte, hat diese Technik eine destruktive und einen konstruktive Phase. Charakteristisch bei der Fotoflechtung ist folgendes:

  1. Die Bildverschiebung. Wenn ich 2 Fotos mit demselben Motiv zerschneide und zusammen flechte, ist die Bildeinheit teilweise gestört.
  2. Ca. die Hälfte der Fläche eines Fotos ist vom anderen Foto verdeckt.
  3. Das, was an der Oberfläche zu sehen ist, ergibt in der Summe das Bild.
  4. Die aufgebrochenen Oberflächen können je nach Lichteinfall zahlreiche Lichtreflexe bewirken.
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